Realität Plus
(Diesen Artikel kannst Du auch anhören. Drücke einfach den dreieckigen "Play"-Knopf oben. Falls da kein Knopf ist, klicke hier.)
Glaubst Du an übersinnliche Phänomene? Wenn ja, warum? Ich meine wirklich, warum glaubt man ans Übersinnliche?
Ich glaube daran, dass meine Fantaflasche nach unten fällt, wenn ich sie hoch halte und dann loslasse. Warum glaube ich daran? Weil ich so etwas schon oft genug erlebt habe, vielleicht nicht mit Fantaflaschen, aber mit vielen anderen Dingen. Ich kann wirklich und wahrhaftig behaupten, dass all meine Erlebnisse keinen anderen Schluß zulassen, als dass die Flasche runterfällt. Darum glaube ich daran - weil ich keine andere Wahl habe! Würde ich behaupten, dass die Flasche schwebt, wenn ich sie loslasse, dann würde ich etwas sagen, das im krassen Gegensatz steht zu allem, was ich bisher erlebt habe. Und dazu habe ich keinen Grund, warum sollte ich das tun? Also muss ich an die Gravitation glauben, ob ich nun will oder nicht.
Meinen Glauben an das Übersinnliche habe ich erst vor kurzem aufgegeben. Ich glaubte nicht wirklich stark daran, aber ich betonte immer wieder, dass die physikalischen Gesetze Lücken haben, die sich vielleicht als Erklärungen für übersinnliche Phänomene eignen könnten. Obwohl ich nie gesagt habe, dass ich wirklich ans Paranormale glaube, wollte ich mich nicht festlegen, ich wollte auch nicht ganz klar sagen, dass ich nicht daran glaube. Warum? Naja, weil ich irgendwie daran glauben wollte. Das habe ich mir lange Zeit nicht eingestanden: Ein Universum, das wenigstens die Möglichkeit von übersinnlichen Dingen enthält, erschien mir so viel interessanter und toller zu sein als ein trockenes Universum ganz ohne solchen Schnickschnack. Ich wollte die Hoffnung darauf nicht begraben und hielt daran fest.
Das heisst: Ich hatte einen radikal anderen Grund dafür, ans Paranormale zu glauben, als dafür, an die Gravitation zu glauben. Ans Paranormale glaubte ich, weil ich es glauben wollte, und bei der Gravitation war ich gezwungen, ich konnte nicht anders als daran zu glauben. Und ich finde, das sagt eine ganze Menge über die Qualität und Glaubwürdigkeit dieser Glaubenssätze aus.
Professor Richard Wiseman, ein Psychologe, der für seine interessanten Ideen berühmt geworden ist, hat kürzlich eine Umfrage unter Zauberkünstlern durchgeführt. Er wollte wissen, wie viele von denen an das Übersinnliche glauben. Mehr als die Hälfte aller Amerikaner glaubt daran. Bei den Bühnenmagiern sieht die Sache anders aus; wie sich herausstellte, glaubt von denen nur jeder Vierte. Trotzdem, die Zahl wirkt doch sehr, sehr groß, wenn man bedenkt, womit diese Leute ihr Geld verdienen. Bei jeder Aufführung tricksen sie das Publikum aus. Grade Zauberkünstler sollten doch jegliche Zauberei für Illusion, Humbug halten! Doch weit gefehlt.
Vor sieben Monaten ist der Hollywood-Schauspieler Jason Beghe aus Scientology ausgestiegen. Auf YouTube wurde jetzt eine Serie von 17 Interview-Videos veröffentlicht, die ordentlich für Furore sorgt. Jason Beghe berichtet darin sehr offen und explizit von seiner zwölfjährigen Mitgliedschaft in der Organisation, erklärt, wieso er Mitglied geworden ist, was er daran toll fand, und schließlich, was ihn daran störte und wieso er ausgestiegen ist. Seine heutige Meinung über Scientology klingt sehr negativ, und er nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund.
An dem Interview interessierte mich besonders der Realitätstunnel eines Scientologen, so wie Beghe ihn beschreibt. Scientologen halten sich wirklich für die einzigen, die diesen Planeten retten können, ja sogar diesen Quadranten der Galaxis. Ich meine, das soll kein Witz sein oder so, die glauben das wirklich, wirklich, wirklich. Sie glauben, dass sie anderen helfen können und müssen, und dass es sonst niemanden gibt, der wirklich helfen kann. Ein Scientologe sieht sich selbst sozusagen als einen Agenten für das Gute in einem epischen, kosmischen Kampf. Bei Athe, wie aufregend!
Ehrlich, ich stelle mir das total spannend vor. Du hast das Gefühl, dass Du zusammen mit anderen guten Menschen und einer top-modernen "Technologie" an einem guten Zweck arbeitest, an dem besten Zweck, den es überhaupt nur geben kann. Und ständig hast Du auch das Gefühl, weiterzukommen, Fortschritt zu machen. Es gibt jede Menge Lob und Bestätigung, alles erscheint Dir in einer wundervollen, bedeutenden Entwicklung begriffen zu sein. Und Du fühlst Dich als Teil davon, als einer der Auserwählten. Scientologen bezeichnen sich nicht mehr als "Homo Sapiens", wenn sie die Stufe "Clear" erreicht haben, sondern als "Homo Novis", also als "neuen Menschen". Sie haben das Gefühl, wichtig zu sein. Sie verpflichten sich vertraglich, den Zweck der Scientology-Organisation für eine Milliarde Jahre zu unterstützen. Klingt das nicht wunderbar, aufregend, spannend?
Und das meine ich mit meiner Wortfindung "Realität Plus". Die nackte Realität an sich reicht nicht aus, man braucht noch ein wenig Pfeffer und Salz, um sie wirklich spannend und schmackhaft zu machen. Das kleine "Plus" eben. Das Plus kann aus einem gewöhnlichen, sterblichen Menschen einen unsterblichen, kosmischen Agenten machen, einen Action-Helden, eine absolut außergewöhnliche Figur, die vor Bedeutung und Größe überquillt. Natürlich nicht, weil es nachweisbar so ist, sondern weil man es einfach unbedingt glauben will.
Scientology hat ein sehr großes "Plus" an der Realität, da sieht man es am deutlichsten. Aber mein Glaube an das Übersinnliche, oder besser gesagt mein halber Glaube daran, folgte dem gleichen Muster. Ich hielt mir die Möglichkeit offen, nach Bedarf an das Übersinnliche zu glauben, wann immer ich es wollte. Dann konnte ich mir vorstellen, dass Phänomene wie Telepathie oder Telekinese eines Tages vielleicht wirklich von den Wissenschaften erklärt und erforscht würden. Was man sich dann alles vorstellen könnte! Mann, wie spannend und toll das klingt! Ach, wer würde schon gern auf diese Vorstellung verzichten?
Dabei hatte ich die volle und ehrliche Überzeugung, dass sich meine Meinung auf rationale Argumente stützte. Mir war vollkommen entgangen, dass ich keine rationalen, zwingenden Gründe hatte, daran zu glauben, so wie ich an die Graviation glauben muss, sondern dass hier mein Wunschdenken das Ergebnis meiner vermeintlich rationalen Überlegungen vorgegeben hatte. Voll und ganz eingenommen von der Faszination beim Nachdenken über das Paranormale, hatte ich total vergessen mich zu fragen, wieso ich überhaupt daran glaubte!
Das verstehe ich unter Realität Plus. Ich habe überhaupt kein Problem damit zu hinterfragen, wieso ich an die Gravitation glaube. Und ziemlich schnell komme ich auf wirklich einleuchtende Argumente, die sich alle auf unstrittige, direkte und reproduzierbare Erfahrungen stützen. An der Gravitation zu zweifeln ist zwar möglich, aber es erschiene sozusagen "noch unglaubwürdiger" als an sie zu glauben. Beim Glauben an das Paranormale lässt sich diese Unterscheidung nicht so einfach und klar ziehen. Darum gibt hier das Glauben-Wollen den Ausschlag, nicht die Faktenlage. Und darum bezeichne ich solche Fälle nicht als Realität, sondern als Realität Plus.
Wenn man sich daran macht, die eigenen Glaubenssätze in "Realität" und "Realität Plus" aufzuteilen, dann macht man vielleicht eine interessante und manchmal auch schmerzhafte Erfahrung. Manchmal fällt es schwer, lieb gewonnene Ideen in die Schublade "Realität Plus" zu tun. Für mich jedenfalls fühlt sich das so an, als müsse ich ein wichtiges Element aus einem Film streichen. Und der Film scheint mir dadurch fader, langweiliger, farbloser zu werden, ich will das nicht wirklich tun. Wenn Du so etwas ähnliches erlebst, beim Nachdenken über einen Deiner persönlichen Glaubenssätze, dann hast Du ein untrügliches Indiz dafür gefunden, dass der Glaubenssatz in die Schublade "Realität Plus" gehört.
Aber keine Angst, ich spreche mich hier nicht gegen Realität Plus aus. Ich will überhaupt nicht sagen, dass man seine Plus-Realität abschaffen soll, überhaupt nicht! Im Gegenteil, ich empfinde das "Plus" oft als belebend und erfreuend. Ich finde auch Kinofilme belebend und erfreuend. Aber der große Unterschied ist: Ich würde nie behaupten, dass ein Kinofilm die exakte Realität darstellt, das würde mir im Traum nicht einfallen. In Bezug auf die Realität geschieht uns dieser Fehler aber recht häufig, darum finde ich es wichtig, sich ein gutes Bewusstsein über seine persönliche Realität aufzubauen.
Sagen wir, ich baue in meinen Apple-Computer ein Bauteil eines anderen Herstellers ein, eine größere Festplatte zum Beispiel. Wenn die Festplatte kaputt geht, dann kann ich nicht zu Apple gehen und meine Garantie dafür einfordern, weil die Festplatte nicht von Apple stammt. So ähnlich verhält es sich mit der Realität: Wenn ich mich über etwas an der Realität ärgere, dann kann ich sehr wohl meine Garantie einfordern. Ich kann mir Pläne machen, was ich realistisch am Stein meines Anstosses ändern kann, ich kann mit anderen darüber reden und mir überlegen, was ich innerhalb der Realität tun kann. Würde ich dasselbe versuchen, falls ich mich über etwas an meiner Realität Plus ärgere, dann würde ich voll gegen die Wand laufen. Und ich glaube, das passiert im Alltag sehr oft, andauernd. Wenn ich also weiß, dass der Gegenstand meines Ärgernisses nicht zur Realität gehört, sondern zu meiner Realität Plus, dann kann ich damit ganz anders umgehen. Ich muss schließlich anerkennen, dass ich mich ganz absichtlich entschieden habe, an meine Realität Plus zu glauben. Da gibt es keinen äußeren Zwang wie bei der Gravitation. Der Umgang mit Realität-Plus-Unzufriedenheit bietet sicher Stoff für mehrere weitere Artikel, und ich muss noch viel darüber nachdenken. Ich glaube jedenfalls, dass man damit ganz anders umgehen muss als mit Realitäts-Unzufriedenheit, und jeder sollte sich seine ernsthaften Gedanken darüber machen. Also öffne jetzt Deinen Terminplaner und reserviere Dir Zeit zum Nachdenken über dieses wichtige Thema!
Ich mag diese Begriffsfindung so sehr, weil sie mir ein praktisches Schubladensystem liefert. Wenn ich mich mal verwirrt und "weit draussen" fühle, dann kann ich halt machen, mich besinnen und meine Gedanken ordnen: Welche gehören in die Schublade "Realität", und welche in "Realität Plus"? Dann kann ich viel bewusster damit umgehen. Man muss sich durchaus nicht schämen, wenn vieles in der Plus-Schublade landet. Erinnere Dich an die Textzeile aus dem Pippi-Langstrumpf-Lied: "Sie macht sich ihre Welt, so wie sie ihr gefällt." Und wir alle lieben Pippi, oder nicht?
Irgendwo stimmt es nunmal, dass die nackte Realität an sich nicht genug bietet. Darum gibt es die Kunst, die Dichtung, Spiele, Rätsel, ja letztlich sogar die Philosophie. Ich glaube nicht, dass man ohne irgend eine Realität Plus überhaupt als Mensch existieren kann. Hier spreche ich mich nur dafür aus, dass man seine Entscheidung für die eigene Realität Plus sehr bewusst trifft, und sie dann auch bewusst durchzieht. In der Domäne unseres eigenen, ganz persönlichen Geistes, in der Intimsphäre unserer privaten, individuellen Gedanken vergleiche ich die Realität Plus mit der Tapete, die man sich an die Wand klebt, mit den Blumen, die man sich auf den Tisch stellt, mit der Farbe, die man für seine Kleidung wählt. Für uns Wesen, die in ihrem eigenen Kopf gefangen sind, verwandelt die Realität Plus unser scheinbar karges Gefängnis in eine schöne, schillernde, lebenswerte Umgebung. Sie macht uns zu Individuen. Wir sollten nur nicht die Einrichtung mit dem Haus verwechseln, nicht die Kleidung mit dem Menschen, oder wie es Shakespeare in Hamlet schrieb: "Ich könnte in einer Nußschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermeßlichem Gebiete halten."
Wie um meinen Gedanken der Gefangenschaft aufzugreifen, hat Jason Beghe im Interview eine kleine Anekdote zum Rauchen erzählt. Sie soll den Abschluß dieses Artikels bilden:
Beghe rauchte etwa eine Schachtel Zigaretten am Tag. Als sein kleiner Sohn auf die Welt kam, gewöhnte er sich an, das Rauchen vor dem Kind zu verstecken. Er rauchte heimlich, damit der Kleine es nur nicht sehe. Doch Kinder kriegen vieles mit, und ehe Beghe sich versah, nahm der Kleine einen Stift in den Mund und tat so, als rauche er. Dieser Anblick entsetzte Jason außerordentlich, und er traf den festen Vorsatz, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber die Sucht stellte sich als stärker heraus, er kam nicht vom Nikotin los.
Dann entdeckte er die Zigarettenmarke "Natural American Spirit". Auf der Packung las er die Aufschrift: "no addictives", zu Deutsch: "keine süchtig machenden Stoffe". Voller Begeisterung stieg er auf die Marke um und freute sich riesig über diese seiner Meinung nach beste aller Erfindungen im Tabak-Bereich. Recht bald hatte er seinen Konsum auf etwa zwei Zigaretten pro Tag reduziert, was er toll fand.
Als er einen Freund traf, der ebenfalls Raucher war, wollte er dem Freund etwas Gutes tun und empfahl ihm, ebenfalls auf "Natural American Spirit" umzusteigen. Er zeigte dem Freund die Packung mit der Aufschrift "no addictives". Jasons Freund las die Aufschrift und sagte: "Jason, du hast dich vertan. Schau, hier steht 'no additives'!", was auf Deutsch so viel heisst wie: "keine Zusatzstoffe"
Jason sah ein, dass er sich schlicht und einfach verlesen hatte. Die ganze Zeit hatte er sich in einer Täuschung befunden, wegen eines simplen Lesefehlers. Er hatte gedacht, die Zigarette enthielte keine süchtig machenden Stoffe, aber es stellte sich heraus, dass sie nur keine Zusatzstoffe, zusätzlich zum süchtig machenden Nikotin, enthielt. Das Ende der Geschichte: Innerhalb von kürzester Zeit war er wieder bei seiner vorigen Dosis von einer Schachtel pro Tag angelangt.
Links:
- Richard Wiseman: Magic Survey (neues Fenster)
- Jason Beghe Interview Part 1 of 17 (neues Fenster): Das ist Teil 1 von 17. Die folgenden Videos findest Du ganz einfach, entweder indem Du bei YouTube nach dem Video-Titel suchst, oder indem Du auf den Uploader xenutruth9 klickst. Falls das Video von YouTube verschwinden sollte, findest Du Kopien bei allen möglichen anderen Video-Webseiten.
- Weblog von Madoc
- Anmelden um Kommentare zu schreiben